Warum 45 Grad meistens falsch sind
Die Regel „Gehrung ist immer 45 Grad“ gilt nur für exakt rechtwinklige Ecken. In Altbauten, bei verputzten Wänden und an nachträglich eingezogenen Trennwänden weicht der Winkel regelmäßig um zwei bis fünf Grad ab. Bei einer Sockelleiste sieht man das sofort: Die Gehrung klafft vorn oder hinten auseinander, und mit Acryl lässt sich das nur kaschieren, nicht beheben.
Der Rechner nimmt den tatsächlich gemessenen Wandwinkel und gibt die Einstellung aus, die du an der Kappsäge brauchst. Beide Leisten einer Ecke bekommen denselben Wert, nur spiegelbildlich.
Den Wandwinkel bestimmen
Am einfachsten mit einem Winkelmesser oder einer Schmiege. Wer keine zur Hand hat, kommt mit zwei gleich langen Latten aus: beide in die Ecke legen, jede fest an eine Wand, dann den Abstand der freien Enden messen. Aus Schenkellänge und Abstand ergibt sich der Winkel – die Rechnung dazu steckt im Rechner unter „Winkel ohne Winkelmesser bestimmen“.
Miss nicht direkt in der Ecke, sondern etwa auf Höhe der späteren Leiste. Unten sammelt sich oft Putz, und der verfälscht das Ergebnis um ein bis zwei Grad.
Flach anliegend oder angestellt
Sockelleisten und flache Profile
Sie liegen mit der Rückseite vollflächig an der Wand. Es braucht nur einen Schnitt: die Säge auf den Gehrungswinkel schwenken, fertig. Bei einer rechtwinkligen Ecke sind das die bekannten 45 Grad.
Decken- und Kehlleisten
Diese sitzen schräg zwischen Wand und Decke. Der Winkel zwischen Leistenrücken und Wand heißt Anstellwinkel und steht meist auf der Verpackung – gängig sind 38 und 45 Grad. Weil die Leiste im Raum verdreht sitzt, reicht ein einfacher Gehrungsschnitt nicht: Es braucht einen Doppelschnitt aus Gehrungs- und Neigungswinkel.
Bei einer rechtwinkligen Ecke und 38 Grad Anstellwinkel sind das 31,6 Grad Gehrung und 33,9 Grad Neigung. Bei 45 Grad Anstellwinkel entsprechend 35,3 und 30,0 Grad.
Alternativ lässt sich die Leiste angestellt einspannen – Rücken gleichzeitig an Anschlag und Sägetisch. Dann genügt der einfache Gehrungswinkel wie bei flachen Leisten. Das ist bei kleinen Sägen oft der praktikablere Weg, verlangt aber eine saubere Auflage.
Innen- oder Außenecke
Der Winkel ist in beiden Fällen derselbe – was sich unterscheidet, ist die Richtung des Schnitts. An einer Innenecke liegt die lange Kante hinten, an der Rückseite der Leiste. An einer Außenecke liegt sie vorn, an der Sichtseite. Wer das verwechselt, sägt die Leiste zu kurz und kann sie wegwerfen.
Eine einfache Merkhilfe: Leg die Leiste so auf den Sägetisch, wie sie später an der Wand sitzt, und überlege, welche Seite länger sein muss, um bis in die Ecke zu reichen.
Praxis
Zuerst am Reststück
Zwei kurze Abschnitte auf den errechneten Winkel sägen und in der Ecke zusammenhalten. Klafft die Fuge vorn, ist der Winkel zu klein; klafft sie hinten, zu groß. In halben Grad nachjustieren.
Der Schwenkbereich der Säge
Viele Kappsägen schwenken nur bis 45 oder 47 Grad. Bei spitzen Ecken reicht das nicht. Dann hilft es, das Werkstück verkehrt herum anzulegen und den Gegenwinkel zu sägen – oder für den Anschnitt eine Hilfsleiste am Anschlag zu befestigen.
Längenzugabe
Durch die Gehrung wird eine Kante länger als die andere. Wenn du die Leiste vor dem Schnitt ablängst, brauchst du diese Zugabe, sonst fehlt am Ende genau dieses Stück. Der Rechner gibt sie aus, sobald du die Leistendicke einträgst.
Passend dazu
Wie viele Stangen du für alle Leisten eines Raums brauchst, rechnet der Leistenzuschnitt aus – inklusive Einkaufsliste und Verwertung vorhandener Reste.
Häufige Fragen
Warum passt meine Gehrung trotz 45 Grad nicht?
Weil die Ecke keine 90 Grad hat. Schon zwei Grad Abweichung ergeben eine sichtbare Fuge. Miss nach und nimm den errechneten Wert.
Was ist der Anstellwinkel?
Der Winkel zwischen dem Rücken der Leiste und der Wand, wenn sie montiert ist. Bei Kehlleisten steht er meist auf der Verpackung, üblich sind 38 und 45 Grad. Flach anliegende Leisten entsprechen 90 Grad.
Gilt der Rechner auch für Bilderrahmen?
Ja. Ein Rahmen ist nichts anderes als vier Außenecken. Bei einem rechteckigen Rahmen sind es viermal 45 Grad, bei Vielecken entsprechend andere Werte – ein Sechseck etwa hat 120-Grad-Ecken und damit 30 Grad Gehrung.
Und bei Rohren oder Metallprofilen?
Die Rechnung ist materialunabhängig. Bei Metall solltest du nur bedenken, dass die Trennscheibe breiter schneidet als ein Sägeblatt für Holz.